Claudius, 22


1. Wieso machst du einen Freiwilligendienst?

Nach dem Abitur hatte ich eigentlich entschieden, „Luft- und Raumfahrttechnik“ zu studieren. Ein Zufall und die in Berlin sehr komplizierten Bedingungen, einen Studienplatz zu „erlangen“, brachten mich zu der Entscheidung – anfangs eher als Überbrückung – ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Vom ersten Tag an merkte ich dann, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Obwohl ich im Nachrückverfahren einen Studienplatz bekam, lehnte ich diesen ab und verlängerte meinen Freiwilligendienst um zwei Monate über den regulären Zeitraum von zwölf Monaten hinaus.

 

2. Wie bist du darauf gekommen?

Die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes war mir bereits vor meinem schulischen Abschluss bekannt. Häufig hörte man von solchen Angeboten aber eher durch Mitschüler, die im Zuge des Zivildienstersatzes einen Freiwilligendienst ableisten wollten. Obwohl ich durch die Bundeswehr als „T5“ ausgemustert wurde, wollte ich zwischen der schulischen und hochschulischen Ausbildung praktische Erfahrungen sammeln und herausfinden, ob meine beruflichen Vorstellungen realitätsnah waren.

 

3. Was hat dir persönlich der Freiwilligendienst gebracht?

Vieles. In meinen vierzehn Monaten beim AWO Landesverband Berlin e.V. / Landesjugendwerk im AWO Landesverband Berlin e.V. habe ich eine Menge gelernt – nicht nur über die vielen Facetten der Freien Wohlfahrtspflege, die dort vorhandenen Verwaltungsstrukturen und die täglichen Querelen, sondern vor allem vieles über die Aufgaben und Ziele der Arbeit als Basis der Menschlichkeit. Aber auch Spiel, Spaß und das Kennenlernen vieler netter Menschen, die meine Ansichten teilen und mich auf meinem weiteren Lebensweg begleiten, gehörten dazu.   Darüber hinaus habe ich persönlich viele Erfahrungen gesammelt, meine berufliche Zukunft über den Haufen geworfen und eine neue „Vision“ entwickelt. Diese lebe ich nun seit fast  anderthalb Jahren in meinem Studium „Verwaltung und Recht“, um eines Tages wieder in eine Nichtregierungsorganisation zurückzukehren.

 

4. Wieso gerade bei der AWO?

Die Arbeiterwohlfahrt steht seit nunmehr fast 100 Jahren für eine einmalige Tradition. Als dezentral organisierter deutscher Wohlfahrtsverband mit rund 150.000 Hauptamtlichen und ebenso vielen Ehrenamtlichen gibt sie ihren Grundwerten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit Tag für Tag ein Gesicht. Sie unterstützt Menschen, die egal aus welchem Grund sozial schlechter gestellt sind. Auch auf internationaler Ebene agiert sie durch ihren Fachverband „AWO International“. Gerade diese enorme (Arbeits-)Vielfalt, die Bekanntheit und zukunftsorientierte Tradition zog mich zu diesem Wohlfahrtsverband, der sich als „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Marie Juchacz, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt am 13. Dezember 1919) versteht.

 

5. Würdest du anderen Menschen zu einem Freiwilligendienst raten?

Auf jeden Fall. Meiner Meinung nach wurde der Freiwilligendienst bisher oft als bessere Lösung zum Zivildienst oder Lückenfüller gesehen. Dabei bietet er wesentlich mehr. Er kann die berufliche Vor- oder gegebenenfalls Umorientierung unterstützen, zwischen den verschiedenen und vor allem eng gesteckten Zukunftsplänen einen Moment der beruflichen Erfahrungssammlung bieten und er kann einfach Spaß machen, was sich auch im Lebenslauf positiv niederschlägt. Das Image eines „verschwendeten“ Jahres schwindet immer schneller. Dafür setzen sich Wohlfahrts-, Kinder-, Jugend- und andere Verbände aktiv ein!

 

6. In welchem sozialen Bereich bist du eingesetzt?

Zu Beginn meines Freiwilligen Sozialen Jahres war ich hauptsächlich beim AWO Landesverband Berlin e.V. eingesetzt, der mich aus platztechnischen Gründen allerdings in ein anderes Haus „auslagerte“. Zum Glück! Denn so lernte ich den Kinder- und Jugendverband, das Jugendwerk, kennen. Innerhalb kürzester Zeit begann ich, mit Einverständnis des Landesverbandes, Aufgaben und Tätigkeiten im Landesjugendwerk im AWO Landesverband Berlin e.V. wahrzunehmen. Dort lernte ich die Tätigkeiten vor Ort kennen und gestaltete so die täglichen sowie längerfristigen Aufgaben aktiv mit. Bis heute bin ich dem Jugendwerk als Vorstandsvorsitzender treu geblieben.

 

7. Wieso gerade in dieser Einrichtung oder in dieser Art Einrichtung?

Hier konnte ich mich bis heute gemeinsam mit vielen engagierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen dort engagieren, wo wir soziale Ungerechtigkeit vermuten, wo Demokratie missachtet wird und Menschen benachteiligt werden. Uns liegt am Herzen, Toleranz und Solidarität wieder den Wert zu geben, der in einer Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen, unerlässlich ist.  In unseren Jugendeinrichtungen, bei Projekten und Wochenendseminaren widmen wir uns Themen, die unmittelbar Einfluss auf den Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen haben sollen. Für sie sollen politische Themenfelder greifbar und begreifbar werden.

 

Wir geben Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Freizeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und ermöglichen ihnen, ihre Interessen und Rechte wahrzunehmen und sich aktiv in Gesellschaftsstrukturen zu involvieren.  Zusammenfassend kann ich sagen: „Im Jahr 2008 rutschte ich eher zufällig ins Landesjugendwerk im AWO Landesverband Berlin e.V. – seither kann ich mir keinen Tag mehr ohne mein Ehrenamt vorstellen.“